Ein Spiel gerät außer Kontrolle

Eigentlich sollten es nur Streiche sein

Die Geschichte:

Zehn Jahre sind vergangen, seit Psychologin Svea im letzten Schuljahr vor dem Abitur mit ihren Freunden ein Spiel gespielt hat, das mit dem Tod eines Mädchens geendet hat. Eigentlich hatten sich die damals Jugendlichen nur gegen Mobbing zur Wehr setzen wollen. In regelmäßigen Abständen hatten sie sich in einem alten Farmhaus getroffen, um bei einem Kartenspiel eine sogenannte Rachekarte auszuspielen. Wer die Karte bekam, durfte sich mit einem Streich an demjenigen rächen, der sie oder ihn gemobbt hatte. Ein Spiel ging allerdings schief. Zehn Jahre lang hat Svea versucht, die Ereignisse von damals zu vergessen. Bis sie eine Sprachnachricht von ihrer Schulfreundin Rachida, die ebenfalls zur Gruppe gehörte, erhält. Eine Nachricht, die nichts Gutes verheißt. Zumal Rachida plötzlich verschwindet. Die Gruppe wird von einer unbekannten Person ins alte Farmhaus eingeladen und gezwungen, das Spiel noch ein Mal zu spielen.

Mein Eindruck:

Die Autorin hat mich von Anfang an gefesselt und in die Geschichte hineingezogen. Schon der Prolog ist spannend und reizt dazu weiterzulesen, so dass ich den Roman kaum aus den Händen legen konnte. Ich habe mit den einzelnen Figuren gelitten, konnte die Reaktionen von Karli, die eigentlich Charlotte heißt, nicht nachvollziehen, hatte Mitleid mit deren Zwillingsbruder Raik sowie Anton, die beide immer wieder Opfer von Tanjas fiesen Mobbingattacken wurden, und habe tiefstes Misstrauen gegen Jeremias gehegt. Dabei ist die Auflösung eine logische Folge der Ereignisse. Der Mörder ist eigentlich schon früh zu erkennen. Wenn man eben ganz logisch und psychologisch denkt. Dazu lässt einen die Autorin aber gar nicht erst kommen. Zu schnell folgen die Ereignisse aufeinander, zu leicht lässt man sich vom Offensichtlichen ablenken.

Interessant ist der Zeitenwechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart der einzelnen Kapitel, die im Grunde aufeinander zulaufen und immer wieder ein Stückchen der Geschichte enthüllen – bis es zum dramatischen Showdown kommt.

Die Charaktere hat Juna Kristensen sehr gut ausgearbeitet, wobei sie Entwicklungen, die die einzelnen Protagonisten im Verlauf der zehn Jahre und ihrer Ausbildung gemacht haben, einbezogen hat.

Die Erzählweise der Autorin ist im Großen und Ganzen sehr angenehm, lässt sich gut lesen und ist wie gesagt sehr fesselnd. Nur mit einer Art habe ich ein Problem. Ich mag es nicht, wenn ein Nebensatz kein Personalpronomen enthält. Als Beispiel:
Die blickte ihr entgegen, doch konnte sich nicht rühren.
Um zwölf begehrte sie ein weiteres Mal auf, aber erhielt die gleiche Antwort.
In der Umgangssprache würde man, glaube ich zumindest, nicht so sprechen.
Für mich würden die Sätze heißen:
Die blickte ihr entgegen, doch sie konnte sich nicht rühren.
Um zwölf begehrte sie ein weiteres Mal auf, aber sie erhielt die gleiche Antwort –
oder …, sie konnte sich aber (jedoch) nicht rühren; respektive: … , sie erhielt aber die gleich Antwort.

Laut Duden ist die Schreibweise der Autorin zwar richtig, aber wie gesagt ich finde sie steif.

Das ist aber tatsächlich das Einzige, das ich bemängeln kann.

Fazit:

Juna Kristensen hat mit Rachemeer in der Neuauflage von Rachekarte einen sehr spannenden, psychologisch ausgefeilten Thriller veröffentlicht, der an der Nordsee spielt. Die Atmosphäre der Küste im trüben und nieseligen Herbst wird super vermittelt. Beim Lesen kann es einen richtig frösteln – ob von der Beschreibung des Nordseewetters oder von den Ereignissen, muss jeder selbst erkunden.

Leseempfehlung:

Von mir gibt es viereinhalb Sterne. Der Thriller ist absolut lesenswert. Der halbe fehlende Stern ist der oben geschilderten Schreibweise geschuldet.

Das Buch „Rachemeer“ von Juna Kristensen wurde mir vom dp Verlag kosten- und bedingungslos zur Verfügung gestellt, was meine Bewertung jedoch nicht beeinflusst hat.

Hass, Morde, Mobbing und schwierige Charaktere

Moorgrab von Eva-Maria Silber

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Die Story:

Der junge Lukas Bauer untersucht mithilfe eines Angler Sonars das Tote Moor des Steinhuder Meers. Er hofft darauf, ein Rätsel zu lösen, das ihn schon länger beschäftigt. Doch bevor er das gewünschte Ergebnis bekommt, wird er mit einem Kopfschuss getötet.

Kriminalhauptkommissar Torben Montag und die junge Beamtin Effi Lu, die gemeinsam die Cold Case Unit Hannover bilden und alte nie aufgeklärte Fälle lösen sollen, kommen als erste an die Fundstelle. Bald darauf trifft auch Karen Austerlitz vom LKA ein, die den Tod des jungen Mannes aufklären soll. Effi Lu, die niemand ernst nimmt, entdeckt das Angler Sonar und löst damit eine weitere Suche im Moor aus. Gefunden werden zwei Fahrzeuge, beide sind im Kofferraum mit Steinen vollgepackt, in den Autos sitzen einmal zwei und einmal drei Leichen. Die Fahrersitze sind allerdings leer, die Leichen wurden vor ihrem Tod gefesselt. Alles deutet auf Jahrzehnte alte Morde hin.

Somit ergibt das Szenario einen Ermittlungsansatz für das LKA im Fall Lukas Bauer und einen im Fall der Moorleichen für die Cold Case Unit. Dass beides zusammenhängen muss, wird schnell klar. Dennoch gestaltet sich die Zusammenarbeit der beiden Einheiten mehr als schwierig. Denn Karen Austerlitz ist eine verflossene Liebschaft des Weiberhelden Montag, der die Beziehung vor Jahren einfach durch einen Abgang beendet hat. Doch Montag hat nicht nur mit der LKA-Beamtin zu kämpfen. Seine früheren Kollegen, seine Frau, die sich von ihm getrennt und sein Konto geplündert hat und sogar der frühere Dienststellenleiter machen ihm das Leben schwer. Das Ermittlerteam des LKA mobbt ihn, indem er nur als Monday angesprochen und bei jedem Zusammentreffen mit der gepfiffenen Melodie von „I don’t like Mondays“ der Gruppe The Boomtown Rats begrüßt wird.

Effi Lu wird erst gar nicht ernst genommen, nur belächelt. Mit gerade mal 1,63 Metern Körpergröße hat sie die Mindestgröße für den Polizeidienst gerade so erreicht, sie ist schüchtern und unscheinbar. Ihr werden sämtliche Kompetenzen abgesprochen.

Die beiden sind Außenseiter, mit denen niemand zusammenarbeiten will. Selbst Montag lehnt seine neue Partnerin anfangs ab. Doch sie hat einen sehr wachen Verstand und eine gute Kombinationsgabe. Die beiden wachsen zu einem Team zusammen und kommen bei der Lösung des Falles dem Täter auf die Spur.

Meine Meinung:

Der Schreibstil von Eva-Maria Silber hat mir ganz gut gefallen. Die nicht gerade einfachen Charaktere der Protagonisten sind gut ausgearbeitet, lassen den Leser zwischen Abneigung, Mitleid und Anerkennung schwanken. Das Thema Mobbing hat die Autorin meiner Meinung nach sehr gut eingearbeitet. Einige Rezensenten finden das beschriebene Verhalten der Kriminalbeamten zu dick aufgetragen. Doch leider ist Mobbing in allen Bereichen und auch bei der Polizei mittlerweile Alltag. Warum also dieses Verhalten nicht aufgreifen und die Leser dazu bringen, eigenes Benehmen oder das von Kollegen zu reflektieren?

Mich hat etwas ganz anderes gestört. Torben Montag bekommt den Spitznamen „Monday“ verpasst. Die Autorin wechselt ständig zwischen den beiden Namen. Das irritiert. Besser wäre: Im Verlauf der Erzählung bei Montag zu bleiben und immer, wenn er angesprochen wird, Monday zu verwenden. So ist der Gebrauch unkoordiniert und besonders anfangs verwirrend.

Dem Täter war ich schon recht früh auf der Spur. Allerdings wollte ich die Hintergründe wissen, die jemanden dazu bringen, Menschen umzubringen. Die, zusammen mit dem Showdown, waren mir dann aber doch zu konstruiert und an den Haaren herbeigezogen. Das hätte sich vielleicht auch anders lösen lassen.

Fazit:

Im Großen und Ganzen hat mir der Plot gut gefallen. Eva-Maria Silber erzählt unterhaltend, den Spannungsbogen zieht sie schon früh hoch und hält ihn auch bis zum Schluss. Das Verhalten der einzelnen Figuren ist nicht immer nachvollziehbar. Sei es die Alkoholsucht des Kommissars, Effi Lu’s Alleingänge oder der übertriebene Hass, mit dem Karen Austerlitz ihrem ehemaligen Liebhaber begegnet. Aber es sind eben schwierige Charaktere, die hier aufeinandertreffen.

Meine Leseempfehlung:

Von mir gibt es vier Sterne. Der Plot ist spannend, der Leser bekommt einen guten Einblick in das Privatleben der Protagonisten, was so manche Verhaltensweisen erklärt. Das Thema Mobbing ist meines Erachtens gut und deutlich ausgearbeitet und regt zum Nachdenken an. Den einen Stern ziehe ich für die konstruierte Mordursache und den etwas an den Haaren herbeigezogenen Showdown, sowie für die ständigen Wechsel zwischen Nachnamen und Spitznamen des Hauptkommissars, also zwischen Montag und Monday, ab.

Das Buch „Moorgrab “ von Eva-Maria Silber wurde mir vom dp Verlag kosten- und bedingungslos zur Verfügung gestellt, was meine Bewertung jedoch nicht beeinflusst hat.